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1930 konnten alle Kinder schwimmen
Die historische Kückenmühle
Ronnenbergs Gemeindevorsteher August Kirchmeyer hat 1928 mit Weitsicht einen Vertrag unterschrieben. Mühlenbesitzer Heinrich Kücken erhielt einen Zuschuss für den Bau einer Badeanstalt. Als Gegenleistung musste er dort alle Schulkinder kostenlos schwimmen lassen. Von Kerstin Siegmund Ihme-Roloven. Wenn heute die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft klagt, dass viele Kinder nicht schwimmen könnten, ruft das bei Kennern der Ronnenberger Historie ungläubiges Kopfschütteln hervor. ?In den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnten hier alle Kinder schwimmen?, sagt Monika von der Heide. Die gebürtige Ronnenbergerin ist mit Ehemann Lothar im Heimatmuseum aktiv. Dort sucht sie alte Unterlagen heraus, die ihre Einschätzung eindeutig belegen. Gemeindevorsteher August Kirchmeyer unterschrieb am 21. März 1928 einen Vertrag mit Heinrich Kücken. Anlass war Kückens Wunsch, auf seinem Grundstück an der Landwehr (heute Ihme) ein Familienbad zu bauen. Der Mühlenbesitzer erhielt von der Gemeinde einen Zuschuss von 1500 Mark. Als Gegenleistung verpflichtete er sich, ?Schulkinder, wenn sie geschlossen von einem Lehrer geführt werden, drei Jahre, von 1928 bis 1930, unentgeltlich baden zu lassen.? Nach Ablauf der Frist wollten ?beide Kontrahenten erneut Stellung zu der Angelegenheit nehmen, da dann voraussichtlich sich übersehen lassen wird, wie die Rentabilität der Anlage sich gestaltet hat.? Tatsächlich sind Scharen von Schülern nachmittags mit ihren Lehrern ins Familienbad gekommen. Aus den Unterlagen, die im Heimatmuseum aufbewahrt werden, geht hervor, dass Kücken 18?000 Mark für den Bau des 120 Meter langen und 35 Meter breiten Schwimmbeckens an ein Unternehmen aus Linden zahlte. 2600 Kubikmeter Boden wurden ausgeschachtet und 150 Meter Böschungen angeschüttet.
Mühlenbesitzer Heinrich Kücken wollte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den landschaftlich reizvollen Standort seiner Wassermühle nutzen. Er plante nicht nur den Bau eines Familienbades, sondern auch die Einrichtung eines Kaffeegartens. 1930 erhielt Kücken die Erlaubnis, auf seinem in Ronnenberg gelegenen Hausgrundstück mit der Nummer 79 Gastzimmer und zwei Gaststuben sowie den Kaffeegarten einzurichten. Die Betriebserlaubnis, die im Heimatmuseum aufbewahrt wird, umfasste auch die Schankgenehmigung für Bier, Branntwein, Likör und Wein sowie Kaffee, Milch, Tee, Mineralwasser und Limonade. Damals begann die Blütezeit des Ausflugslokals Kückenmühle. Herrschaftliche Namen sind mit der Mühle verbunden, zum Beispiel der des Ritters Heinrich Knigge, der 1325 als erster Besitzer urkundlich erwähnt wird. Ihren Namen erhielt das im Dreißigjährigen Krieg zerstörte und wiedererrichtete Gebäude von Kaspar Kücken. Die Mühle brachte ihm kein Glück: Der Müller wurde von Soldaten ermordet, seine Familie wurde verschleppt. 1707 übernahm Kaspar Kücken die Mühle in Erbpacht von Minister Graf von Platen, Nachfolger der Herren von Lenthe. Kückens Erben kauften die Mühle 1885 und ließen 1892 das jetzige Gebäude errichten. Vor zwei Jahren kaufte Gastronom Olaf Rössel das Anwesen. Das Ausflugslokal gehörte seit 1975 Brigitte und Gerhard Gerlach aus Lemmie, die es an wechselnde Betreiber verpachteten.ker
Bisher liegt Olaf Rössel, Eigentümer des Hotelrestaurants Kückenmühle, noch keine Genehmigung für einen neu eingerichteten Biergarten vor. Der Stadtverwaltung fehlen nach Angaben von Fachbereichsleiter Wolfgang Zehler einige Unterlagen. Unter anderem müsse der Gastronom den Zugriff auf ein Nachbargrundstück nachweisen, wo er zusätzliche Stellplätze einrichten will. Zehler bekräftigte, dass die Stadt den Biergarten ?für eine gute Sache? halte. Dem Eigentümer sei eine Lösung aufgezeigt worden, wie er eine Genehmigung für einen Biergarten im Außenbereich erhalten könne.ker
Beliebtes Ausflugsziel: Viele Schüler lernten in der Badeanstalt Kückenmühle das Schwimmen (Bild oben und großes Bild). Nachmittags übten sie unter der Regie ihres Lehrers Spangenberg. Für seine Badeanstalt in der Nähe der Wassermühle hat Heinrich Kücken in den dreißiger Jahren sogar ein eigenes Logo (kleines Bild) entwerfen lassen.
Heinrich Kücken
31.07.2010 / LKCZ Seite 14 Ressort: RONN